Monatsandacht Januar 2020

 

Gott ist treu (1Kor 1,9)

 

Treue erwartet man von Ehepartnern und lobt sie an Hunden. Bei Menschen ist sie eine Tugend, bei Hunden beruht sie auf Dressur, die die natürlichen Instinkte des Tiers lenkt und formt. Es ist auch ein weises Wort, dass man sich selbst treu sein soll. Das kann in Konfliktsituationen bekanntlich sogar bedeuten, dass man anderen Menschen die Treue aufkündigen und seine eigenen Wege gehen muss. Wer allerdings nur noch sich selbst treu sein kann oder will, hat es aufgegeben, anderen Menschen zu vertrauen. Bei Treue geht es um Vertrauen zu einem Gegenüber, um Beziehung, die sich bewährt in einer gemeinsam erlebten Geschichte.

 

Dass Gott treu sei, klingt für manche Menschen vertraut und selbstverständlich, für andere dagegen sonderbar oder gar absurd. Zu der Zeit, als der Apostel Paulus seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, hätten die meisten Leute auf der Straße mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen gesagt hätte, Gott sei treu. Nicht dass sie an der Existenz des Göttlichen oder von Göttern zweifelten, das taten damals nur wenige, aber sie verstanden darunter vor allem jene unberechenbaren Mächte, denen das menschliche Leben ausgeliefert ist: Naturgewalten, Gesundheit, Krankheit, Reichtum, Armut, Liebe, Tod wechseln ohne Mitleid und auf unbegreifliche Weise einander ab.

Als nah und schwer zu fassen, als unwiderstehlich mächtig, aber völlig willkürlich erlebten die Griechen das Göttliche. Die Ungebildeten und Abergläubischen versuchten die Götter durch Opfergaben zu besänftigen. Die aufgeklärten Philosophen lehrten, dass man nur sich selbst vertrauen dürfe. Man müsse sich innerlich  von allem frei machen, was Menschen oder übermenschliche Mächte einem an Gutem oder Bösem zufügen können. Nur sich selbst dürfe man treu sein, lehrten die Philosophen, nichts dürfe man fürchten und auf nichts hoffen, was nicht in der eigenen Macht stehe.

Das Leben des Apostels Paulus war nicht weniger als das Leben anderer Menschen ein wechselvolles Auf und Ab von frohen und schweren Zeiten, war Gefahren, Leid, Krankheit und Schmerzen ausgesetzt. Dass Gott treu ist, schrieb Paulus, weil er unter dem Wort „Gott“ nicht das unberechenbare, unausweichliche Schicksal verstand, sondern den Gott Israels, den Vater Jesu Christi.

Paulus begriff sein Leben als Teil der großen Geschichte der Treue, die einst mit Gottes Verheißungen an Abraham begann und die sich durch die ganze Geschichte des Volkes Israel zieht und zu der durch Jesus alle Menschen eingeladen sind. Wenn jemand der Botschaft der Bibel begegnet und sein Leben als Teil der großen Geschichte Gottes mit den Menschen zu sehen lernt, wenn diese Geschichte zum roten Faden im eigenen Leben wird, wenn jemand gemeinsam mit anderen Gläubigen unterwegs ist, dann wird zur lebendigen Erfahrung, was Paulus zu den Korinthern schrieb: „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Amen.

 

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel

Prof. Dr. Dr.

Martin Rothkegel 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Theologische Hochschule Elstal